Unsere Kapelle hütet ein Kunstwerk

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Die Wandmalerei von Maria Hiszpanska Neumann in der Seitenkapelle in Hübingen - ein in Deutschland einmaliges Werk der polnischen Künstlerin.

DIE HEILUNG DES MENSCHEN *

In der sanften Dünung der Hügel und Höhenzüge des Westerwaldes liegt das katholische Familienferiendorf Hübingen bei Limburg an der Lahn. Im Stil der 60er Jahre gebaut, verfügt es auch über einen Kirchen- und Versammlungsraum aus rohem Beton, an dessen Nordseite sich eine kleine, nur durch eine Glaswand abgeteilte Sakristei-Kapelle von ca. 5,50 x 3,30 m Seitenlänge und 3,40 m Höhe anschließt. Durch die Vermittlung von Freunden aus Frankfurt/Main bekam Maria wohl im Spätsommer 1977 den Auftrag, eine Wandarbeit in der noch ganz kargen Kapelle zu gestalten. An einer der Längswände und an der Altarwand mit dem Tabernakel hat Maria dann im Spätsommer 1978 und 1979 ihre „schlichte(n), aber nicht banale(n) Malerei (en)“ (6.10.1979) angefertigt: eine Verwandlung des Menschen in sieben Stufen und eine Darstellung des Christus.

Die Malereien in Hübingen sind in mehrerer Hinsicht bedeutungsvoll: Es ist Marias erster und einziger Auftrag in(West)Deutschland, also im „kapitalistischen Ausland“, und es ist ihre letzte größere Wandarbeit für eine Kirche vor ihrem plötzlichen Tod im Januar 1980. Durch mehrere Briefe Marias und durch Berichte der Frankfurter Freunde kann die Entstehungsgeschichte dieser spröden und ungewöhnlichen Arbeit im Groben rekonstruiert werden:

Am 13. September 1977 schreibt Maria, dass sie „mit einer großen Intensität über die Kapelle in Hübingen nachdenke, im Oktober sind diese Gedanken „in einem Stadium, wo eine Diskussion darüber notwendig ist. (…) nur eine mündliche, menschliche, unmittelbare Unterhaltung kann zu etwas führen.“ (6.10.1977) Schon bald bekommt sie dazu Gelegenheit, denn die Frankfurter Freunde haben eine Ausstellung von Werken Marias in einer Bremer Galerie kurz entschlossen in das katholische Gemeindezentrum in Eschborn bei Frankfurt geholt, und Maria reist Ende November zu ihnen. Nach den Berichten der Freunde brachte sie Skizzen mit, die einen verklärten Christus in einer Mandorla zeigten, wohl ähnlich ihrem „Auferstandenen“ aus dem Apsismosaik in Zbylitowska Góra. Nun geschieht wieder die für Maria typische Art der Bildentstehung: einerseits das „Erleuchten“ der richtigen Idee auf dem Hintergrund gemeinsam geführter Gespräche und unmittelbaren Gedankenaustauschs, und andererseits das „Bild“-Werden eines Gedanklichen. Denn der Freund ist skeptisch. Ein solcher Entwurf sei vielleicht in Polen richtig, aber hier, im reichen Westen würde man solches nicht verstehen und anderes brauchen. Hier wäre die Not eine andere. Er schildert ihr die „Krankheit“ des westlichen „Konsummenschen“, der im angenehmen Gefängnis des Wohlstands wie in einem goldenen Käfig sitzt und der, ausgerichtet nur auf die Befriedigung materieller Bedürfnisse, in seiner Seele krank wird und in der geistig-seelischen Dürre nicht mehr zu sich kommen kann. Gibt es für diesen Menschen einen Ausweg, eine Heilung? Wie könnte eine solche Heilung in ein Bild gebracht werden? Maria zog sich nach intensivem Gespräch in ihr Zimmer zurück und brachte am nächsten Morgen neue Entwürfe auf A4 Blättern mit, die sofort überzeugten und im Kern schon die Idee enthielten, die im Sommer darauf dann zur Ausführung kam. Trotzdem ist es noch ein langer Weg, eine lange „Schwangerschaft“, bis die Entwürfe eine sie zufrieden stellende Form angenommen haben. Im März 1978 schreibt sie: „Mit meiner psychischen Schwangerschaft ist es auch nicht so einfach, manchmal werde ich von sehr peinlichen Übelkeiten geplagt, indem der Kopf immer dicker und dicker  wird. Einige Skizzen sind schon, recht zerkleinert, in einem Papierkorb gelandet, - nun, man kann nur Geduld mit sich selber üben (eine sehr schwere Übung) und Gott um Hilfe bitten, und --- weiter warten.“ (13.3.1978) Ende Juni lässt ihr das „Problem Hübingen“ keine Ruhe. „Das Baby macht viel Krach in meinem Kopfe drinnen, und will einmal in der richtigen Gestalt ans Tageslicht. Der goldene Käfig muss hart-geometrisch, käfigartig werden, sonst aber – wieviel Probleme! Eine schöne, schwere Arbeit.“ (29.6.1978) Ende Juli ist sie in Hübingen und bringt innerhalb der nächsten Wochen die Malerei an der Längswand der Kapelle fertig. Sie war mit ihrem Werk zufrieden. Die Bemalung der Altarwand war wohl zunächst noch offen. „Soll ich an Hübingen weiterdenken?“ fragt sie im Januar 1979. Wieder im Gespräch mit den Frankfurter Freunden reift die Idee, das Werk durch eine Christusdarstellung an der Altarwand zu ergänzen.  Im Spätsommer 1979 reist sie noch einmal nach Westdeutschland und vollendet Anfang September die Figur des Christus. Sie wirkte wie von einer großen Unruhe erfasst, das Werk fertig zu bringen, als ob sie ahnte, dass dies ihr letzter Sommer sein würde.

Kommt man heute nach Hübingen und betritt den kleinen Raum der Sakristei-Kapelle, empfängt einen eine karge, kühle, nüchterne Atmosphäre, die von den in rohem Beton belassenen Wänden und von der Kantigkeit des Raumes ausgeht. Grau ist die beherrschende Farbe – kühl und fleckig der Beton, warm-grau der Natursteinaltar – unterbrochen durch das warme Braun des Sisalbodens und das starke Hellrot der Holzstühle. Decke und Wände bewahren die Abdrücke der Bretterverschalung für den Betonguss und die davon herrührenden Luftlöcher. Hält man sich aber eine Weile in diesem Raum auf, verwandelt sich die Atmosphäre und es umfängt einen eine „heilige Nüchternheit“ und Klarheit, die von den Malereien ausgeht.

Das Rohe, fast Schäbige, Unbehandelte, in dem die Struktur des Werkstoffs bewahrt bleibt, kommt Marias Vorliebe für die rauen, mauerartigen Malgründe entgegen. Sie arbeitet mit und in dieser Kargheit, indem sie nur drei Farben verwendet, die sie direkt auf den ungrundierten Beton aufbringt: Schwarz, Weiß und Gold.  Innerhalb der beschränkten Farbpalette entfaltet sich ein erstaunlicher Reichtum an zart changierenden Mischtönen von dunkelstem Grau bis zu zartestem Grauweiß mit verschiedenen bräunlich-olivigen, aber zunehmend auch violetten Schattierungen, die sich je nach Lichtverhältnissen auch ändern. Das Gold vermittelt den Eindruck des Kostbaren, Edlen. Maria Hiszpaἠska-Neumann verleugnet nicht die kalte Nüchternheit des Betongrundes, sondern hebt ihn, adelt ihn durch die reichen und zarten Abstufungen ihrer Malerei. In einer linearen, flächigen, „zeichenhaften“ Malweise entfaltet sie ihre „Sinn – Bilder“: sieben Gestalten, sieben Entwicklungsstufen des Menschen und die große Figur des Christus an der Altarseite. Die Frage, die Maria in einem ihrer Briefe gestellt hat und die als Motto der Einleitung überschrieben ist – „wie soll man es machen, ein Mensch zu werden? – hat in gewisser Weise hier Gestalt angenommen: es ist eine Menschwerdung im höheren Sinne; Maria nannte diese Arbeit „die Heilung des Menschen“.

Auf verschiedenen Ebenen – künstlerisch in der Farbe, im Helligkeitswert, in der Anordnung an der Wand und inhaltlich im Werden eines Antlitzes, in der Haltung der Hände – zeigt sich ein stufenweiser Aufstieg, eine Höher-Entwicklung des Menschen. Was auf den ersten Blick etwas didaktisch und schnell begreiflich anmuten mag, gewinnt bei längerer Betrachtung an Vielschichtigkeit und Tiefe.

Die Halbfigur eines gedrungenen, kompakten, bulligen Menschen zeigt sich in der ersten Stufe; eine dumpfe, gesichtslose, anonyme Masse Mensch, fest umrissen von einem starken, breiten schwarzbraunem Kontur. Dunkel und dumpf erscheint er hinter einem strahlend leuchtenden, goldenen Gitter, an dem er sich mit beiden Händen festklammert, als wäre er dort angewachsen. Er wirkt in jeder Hinsicht gebunden, wie eingepanzert hinter dem Gitter und in seiner festen, blockhaften Kontur. Doch weiß er überhaupt, dass er ein Gefangener ist? Er hat kein Gesicht, das irgendwelche seelischen Regungen zu spiegeln vermag. Die ganze Gestalt mutet an wie eine Verkörperung der Eigenschaften, von denen Maria schon 1959 schrieb, dass sie sie verabscheut: „Denklosigkeit“, Stumpfheit, Rohheit, blinder Gehorsam, Selbstzufriedenheit. Nur zeigt sich in den um das Gitter verkrampften Händen noch eine andere Nuance: eine leise Note der Angst. Es funkelt verführerisch,  das kostbare Gitter. Es gibt Halt. Er klammert sich mit Macht an das, was ihn gefangen hält. Wie geht ein Leben ohne den goldenen Käfig?

Doch das Wagnis gelingt, mit jedem neuen Schritt etwas mehr, und eine tiefgehende Wandlung setzt ein: In der zweiten Stufe erscheint von oben eine kleine goldene Flamme, ein Tropfen, ein Keim nur, noch hoch über ihm. Doch mit jedem weiteren Schritt steigt die Flamme tiefer hernieder, wird größer, vervielfältigt sich schließlich und umfängt erst seinen Kopf, ergreift dann auch seine Wesensmitte, bildet im fünften Schritt einen spitzbogigen, schalenförmigen „Innenraum“ , in dem ein neues „Herz“ wachsen kann, das genau in der Mitte der Brust wie eine Sonne aufleuchtet. Im letzten Schritt wurzeln die großen Flammen-Samen gleichsam in diesem Sonnenherz. Je mehr das Gold nach oben in die Umrisse der Flammen und in die „innere Sonne“ übergeht desto mehr bricht das goldene Gitter auf, verkleinert sich und lässt sich schließlich ganz auf. Es erscheint nicht mehr als hart-geometrische Linie außerhalb des Menschen, sondern in wogendem, lebendigem Strich, sammelt sich schließlich innerhalb des Menschen in einem neuen Zentrum, bis es zuletzt sogar golden von seinen Händen fließt.

Je mehr sich der Mensch von der Flamme des Geistes – im Hinblick auf die andere Wand: von der Christus-Kraft – ergreifen lässt, desto höher steigt er auch im wörtlichen Sinn an der Wand empor. Es ist ein beidseitiges Aufeinanderzukommen und sich Durchdringen: die Flamme, der Tropfen steigt anwachsend hernieder, und der Mensch steigt auf, arbeitet sich der Flamme entgegen. Dabei öffnet er sich immer mehr dem Raum und wird immer heller und lichter.

Farbe und Kontur hellen sich zunehmend auf, werden feiner und durchlässiger. Das Grau verliert seine dunkle Dichte und die erdig-oliven Nuancen, wird heller, lebendiger und spielt mehr ins Violett; zu den Rändern hin wird das Grau immer lockerer, als ob eine Durchlichtung von außen her geschähe. Immer mehr Weiß mischt sich hinein, in der letzten Stufe verliert sich auch das Violett und macht nur noch Weiß-Ocker-Grau-Gold Platz. Nun lösen sich die Farben nach unten hin übergangslos in das Grau der Wand. Ab der fünften Stufe heben sich helle, zarte Linien hervor, die wie Falten eines transparenten Gewandes den Körper umspielen, als ob der Mensch mehr und mehr mit einem zarten „Lichtgewand“,  (einem „hochzeitlichen Gewand“ aus dem Neuen Testament im Gleichnis der königlichen Hochzeit?) bekleidet würde.

Nicht zuletzt aber verwandeln sich Gesicht und Hände – diese werden frei, und jenes wird überhaupt erst zu einem Antlitz mit Sinnesorganen. „Den Mann ohne Antlitz“ könnte man die erste Stufe nennen. Mit seinem fast runden, unten breiter werdenden , lastenden Kopf ist der Mensch ohne jede Möglichkeit, wahrnehmend mit der Welt in Beziehung zu treten, er ist in einer extremen Ich-Bezogenheit völlig in sich gefangen. Im zweiten Schritt bildet sich der Ort des Auges, die erste Anlage zum Sehen ist geschaffen, der Kopf hat sich schon etwas ins Oval gestreckt. Ohren und Nase erscheinen, im fünften Schritt kommt der Mund, die Möglichkeit des Sprechens, des Ausdrucks, hinzu. Erst im sechsten Schritt können die Augen blicken, erst jetzt haben sie nicht nur eine Iris, sondern auch Pupillen. Noch ist der Kopf aufrecht, wie träumend in sich beschlossen, doch im siebenten Schritt löst er sich aus starrer Frontalität und neigt sich; neigt sich leise nach unten und dem Christus zu. Auch die Augen blicken nach unten, wenden sich dem unter ihm Seienden zu und folgen der schenkenden Geste der linken Hand, von der das Gold herabfließt. Man kann sich an das Gedicht „Die Fußwaschung“ von Christian Morgenstern erinnert fühlen, das die Künstlerin wahrscheinlich gut gekannt hat, mit der Grundgeste des Dankes an die Reiche „unter“ dem Menschen:

 

Ich danke dir, du stummer Stein,

  und neige mich zu dir hernieder:

  Ich schulde dir mein Pflanzensein.

  Ich danke euch, ihr Grund und Flor,

  und bücke mich zu euch hernieder:

  Ihr halft zum Tiere mir empor

  Ich danke euch, Stein, Kraut und Tier,

  und beuge mich zu euch hernieder:

  Ihr halft mir alle drei zu Mir

  Wir Danken dir, du Menschenkind,

  und lassen fromm uns vor dir nieder:

  weil dadurch, dass du bist, wir sind.

  Es dankt aus aller Gottheit Ein-

  Und aller Gottheit Vielfalt wieder.

  In Dank verschlingt sich alles Sein.


Die Entwicklung der Hände folgt einer ähnlichen Grundgebärde. Erst umklammern sie die Stäbe des Käfigs, so fest und verkrampft, als ob sie sich nie werden davon lösen können. Was für einen großen, befreienden Schritt zeigt das nächste Bild: die Hände haben sich geöffnet, haben erstmals gewagt, loszulassen, als ob sie diesen neuen Zustand erst einmal vorsichtig prüfen würden. Noch sind die Hände abgetrennt vom Körper, handeln noch nicht, aber sie werden im Ansatz frei vom Gitter, das auch schon beginnt schmiegsamer zu werden. Die Hände werden nun freier und freier und erproben das Sich-Wenden in  verschiedene Richtungen. Erst sind sie mit den Handflächen nach außen gekehrt, wie das Äußere ertastend und das Innere noch schützend, dann drehen sie sich nach innen, nehmen das Äußere zu sich hin. Beide Male sind die Hände offen vor der Brust nach oben gerichtet, auf die sich nieder senkende Flamme zu. Schließlich erkunden sie wieder eine andere „Koordinate“: die Horizontale, ergreifen die Räume rechts und links. Die Hände werden immer schmiegsamer, gelöster: im sechsten Schritt sind sie empfangend dem sich erweiternden Flammenumkreis entgegengestreckt, und im letzten Schritt schaffen sie ein Gleichgewicht zwischen empfangen und schenken. Das, was der Mensch von oben empfängt, behält er nicht für sich, sondern lässt es weiterströmen, schenkt es in tätiger Liebe weiter und verbindet selber oben und unten, rechts und links, innen und außen.

Die Verwandlung erfasst alle drei Bereiche des Menschen – den Kopf mit den Sinnesorganen, die Gliedmaßen in den Händen und die Mitte, das „Herz“. Die Wandlung in einen geisterfüllten Menschen ist nicht die in einen weltabgekehrten „Mönch“, so durchscheinend und „himmlisch“ der Mensch der siebenten Stufe auch gezeichnet wird, sondern umgekehrt – mit zunehmender Geisterfülltheit wacht der Mensch erst auf für die Welt und für sich, er bekommt ein „Gesicht“. Mit den Sinnen kann er Äußeres „wahr-nehmen“ und bleibt nicht in der dumpfen Selbstbezogenheit des Anfangs. Gleichzeitig werden die Hände frei zur Selbst- und Welterfahrung und zum Handeln. Und die goldene Sonne in der Mitte des Menschen wird zum zentralen Organ, in dem sich die flammenden Geistesgaben konzentrieren, verinnerlichen, wurzeln. Auch das Gold hat sich verwandelt: Es war Sinnbild für den verführerischen Glanz des Materialismus, der irdischen Güter, und nun entfaltet es seine geistige Seite als göttliches Licht und „Sonnensubstanz“. Die Verwandlung des Menschen ist ein zweifaches, gleichzeitiges Geschehen von oben und von unten her: Göttliches senkt sich herab, Menschliches emporziehend; Menschliches arbeitet sich herauf und macht sich fähig, Göttliches aufzunehmen. Der Mensch wird Christus-ähnlich. Im Hinblick auf die Altarwand mit dem Christus kann man sagen: Es ist die Macht der Christussonne, die den Geistes-Keim zu Leben und Wachstum erweckt. „Denn alle Summe der Wahrheit ist in jeder einzelnen Seele als Keim vorhanden und kann erblühen, wenn sich die Seele diesem Keim hingibt“

Ohne den Menschgewordenen Gott, der die Grundlage für diese Verwandlung geschaffen hat, wäre das Werk nicht vollständig. Der auferstandene, kosmisch-große Christus erscheint wie eine mächtige achte Stufe, eine Oktave des sich verwandelnden Menschen, ein göttlicher „Menschheitsrepräsentant“. Dunkle, irdische Farbigkeit ist ganz den hellen, ins gelbliche Ocker spielenden Grau-Weißtönen, vor allem aber dem Gold, gewichen. Das Gold durchzieht die gesamte Gestalt – deckend, pur, strahlend, aber auch verdünnt, transparent und sich mischend mit den anderen Farben. Christi Gestalt erscheint in wirbelnder, goldlohender Flammenkraft. Sein ganzes Wesen ist Geistes-Flamme, Flammenwind, der ihn von oben umströmt – er steht in einem pfingstlichen Feuerwindbrausen, das die Konturen seiner Gestalt auflöst. Nur Hände und Arme, Kopf und Hals treten in ihren Umrissen deutlicher hervor. Die Dreigliedrigkeit von Herz, Kopf und Händen ist noch gesteigert – die wirbelnden Goldschwünge sammeln und konzentrieren sich spiralig im goldenen Sonnenherz wie im Auge eines Orkans. Um dieses Zentrum hin sind sie orientiert und umströmen dabei Hände und Gesicht. Innerhalb dieses Brausenden und Strömenden kommt der Blick gerade in den ausgesparten Bereichen zur Ruhe, besonders im stillen Raum um das Gesicht – ein Raum voll Innerlichkeit und Güte. Nicht nur sein Kopf, auch sein Oberkörper ist dem Menschen zugeneigt. Zwischen den beiden und besonders in der beidseitigen Zu-Neigung der Köpfe entsteht über die Ecke des Raumes hinweg ein erfüllter, beziehungsvoller Freiraum. Der Eine erscheint als Echo des Anderen, Christus wie eine gesteigerte Spiegelung – seine Gebärden sind noch raumgreifender, mächtiger, aber doch dem Menschen verwandt, besonders die der linken, nach unten geöffneten, schenkenden Hand. Zeichenhaft weist Christi Hand mit dem goldenen Wundmal auf den Tabernakel, der die Hostie enthält, in die er sein Wesen immer weiter verschenkt.

Auf Christus zu und aus Christus heraus geschieht die Heilung; er ist Ziel und Quelle des Weges zum heilen, ganzen Menschsein. Diese Heilung ist eine Entwicklung und Verwandlung des Menschen und nicht zufällig ein Weg in sieben Schritten. Einen solchen Weg versuchte Maria Hiszpaἠska-Neumann zu gehen, fühlte dabei immer wieder ihr Scheitern und hat in ihrem Leben doch so viel in sich verwandelt und geheilt. „Und jetzt naht das Fest der Auferstehung, der Tag, welcher uns immer von neuem, jedes Jahr wieder von neuem, auf das ungeheure kosmische Geheimnis der Christus-Tat hinweist. Hätte man nur Kraft genug, um wirklich, mit eine großen Intensität, in diesen Gedanken zu leben, so könnte man wirklich zu einem Menschen, zu einem Christen werden, man könnte einen Abstand von sich selbst und seinen Leiden gewinnen, man könnte wirklich innerlichst die Paulus-Worte erleben: „nicht ich, sondern der Christus in mir.“ Wir sind aber schwach, und da wir Gutes anstreben, werden wir immer wieder allerlei  Angriffen des Widersachers ausgesetzt.“ (23.3.1974)

Der Kreuzweg und die Heilung hängen miteinander zusammen. Heilung geschieht durch das Verarbeiten, durch das Verwandeln des Leides. Dies hat Maria in ihrem Werk gezeigt und in ihrem Leben vorgelebt. Seit 1967 suchte sie mit der Darstellung des Kreuzweges einen Weg, der „in die richtige christliche Denk- und Empfindungsweise führen würde“. Dass sie als letzte Wandarbeit nun die „Heilung“ in ein Bild bringt, ist ihr künstlerisch-menschliches Vermächtnis.



* Auszug aus dem Buch von Brigitta Waldow-Schily: Maria Hiszpanska Neumann, Leben und Werk 1917 - 1980 | ISBN: 978-3-95779-005-7 , S. 245 - 252